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Wenn Männer nach der Pensionierung als «Sperrmüll» vor das Haus gestellt werden In Japan häufen sich die Scheidungen unter pensionierten Ehepaaren. Fast immer sind es dabei die Frauen, die eine Trennung beantragen, um einen Lebensabend ohne die Bürde eines gelangweilten und unbeholfenen Ehegatten geniessen zu können. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. Gleichwohl erzählt Masako Yamada, wie wir die 59-Jährige nennen wollen, freimütig von ihrem Plan. Einem Plan, den man der zierlichen Frau, die in der Nähe der japanischen Stadt Kanazawa in vermeintlicher Perfektion die Rolle der fürsorglichen Ehefrau und Mutter spielt, gar nicht zutrauen mag. Seit über zehn Jahren nämlich, erzählt Yamada, zwacke sie vom Salär ihres Ehemanns jeden Monat einen Betrag ab, lege diesen auf die Seite und träume davon, in einigen Jahren, wenn der Gatte in Pension gehen wird, genügend Geld beisammen zu haben, um die Scheidung einreichen und einen gemütlichen Lebensabend geniessen zu können - ohne materielle Sorgen und vor allem ohne nervtötenden Ehemann. Die Pensionierung warte sie ab, weil ihr Mann dann vom Arbeitgeber eine einmalige Zahlung in der Höhe von zwei Jahreslöhnen erhalten werde, und von diesem Geld beanspruche sie selbstverständlich noch ihren Teil. Ehegatten als Krankmacher Yamada ist keinesfalls die einzige Japanerin, die sich ein Leben mit einem pensionierten Gatten nicht vorstellen kann oder nicht vorstellen will. In keinem anderen Alterssegment nehmen in Japan die Scheidungsraten stärker zu als bei den Rentnern. Hat sich die Zahl der Scheidungen von Paaren, die seit über 20 Jahren verheiratet sind, in den zwei Jahrzehnten seit 1985 verdoppelt, ist bei Paaren mit einer mindestens 30 Jahre langen Ehegeschichte gar eine Vervierfachung zu beobachten. Praktisch immer sind es dabei die Frauen, die eine Trennung beantragen. Eine Abschwächung des Trends ist kaum zu erwarten. Die demographische Entwicklung und gesetzliche Reformen legen eher das Gegenteil nahe: So werden zwischen 2007 und 2009 knapp 7 Millionen «Babyboomer» aus den geburtenstarken Jahrgängen zwischen 1947 und 1949 pensioniert. Ausserdem tritt 2007 ein Gesetz in Kraft, das geschiedenen Ehefrauen den hälftigen Anteil an der Rente des Ehemanns zusichert; das finanzielle Risiko einer Trennung wird somit für Frauen zusehends kleiner. Das Thema der sogenannten «Scheidungen im reifen Alter» hat sich in Japan einen prominenten Platz in der Öffentlichkeit erobert. Nicht nur TV- Soaps - in Japan ein zuverlässiger Indikator für Volkes Sorgen - widmen sich mit einem nicht zu knappen Mass an Dramatik dem Phänomen. Auch in den Buchläden ist längst ein breites Angebot an Ratgeberliteratur verfügbar. Selbst ein Krankheitsbild haben japanische Mediziner definiert für Frauen, die unter der Bürde pensionierter Gatten leiden: «Retired Husband Syndrom» - kurz: RHS - nennt sich die Stresserkrankung, an deren Symptomen laut Schätzungen 60 Prozent aller japanischen Ehefrauen mit Männern im Ruhestand leiden. Die krankmachenden Pensionäre werden vom weiblichen Volksmund denn auch mit üblen Namen beschimpft: etwa als «Sperrmüll», weil schwierig zu entsorgen, oder als «feuchtes Laub», da lästig an den Schuhen klebend. Jede japanische Frau weiss, was gemeint ist. Keine gemeinsamen Erlebniswelten Selbstverständlich stellt der Ruhestand nicht nur japanische Ehen vor Herausforderungen. Dem Problem kommt hierzulande aber aus kulturellen Gründen besonderes Gewicht zu. So ist für manchen Japaner die Lebenswelt deckungsgleich mit der Arbeitswelt: Mit den Firmenkollegen wird nicht nur die Arbeitszeit geteilt, sondern ebenso der Feierabend beim Umtrunk oder das Wochenende beim Golfspiel. Nicht selten verbringt man selbst die wenigen Ferientage - sofern diese eingezogen werden - mit Mitarbeitern, derweil die Ehefrau mit Freundinnen umherreist. Entsprechend kühl ist das emotionale Verhältnis zwischen Partnern, die kaum Erlebniswelten teilen. Und entsprechend tief ist das Loch, in das pensionierte Männer fallen, die während ihrer Erwerbstätigkeit keine Zeit für Hobbys oder Freunde ausserhalb der Firma finden. Manch einer bekämpft die Langeweile, indem er seiner Frau bei der Hausarbeit dreinredet oder von ihr Rechenschaft verlangt über jede Minute, die sie ausserhalb des Hauses verbringt. Während die Männer etwaige Mühe haben, etwas Sinnvolles mit ihrer neu gewonnenen Zeit anzufangen, kennen die Frauen kaum Langeweile. Viele von ihnen haben trotz Belastung durch Haushalt und Kinder während Jahrzehnten gearbeitet oder Privatkurse besucht, andere waren in Vereinen engagiert. Gemeinsam ist ihnen, dass sie über ein dichtes Beziehungsnetz verfügen, das sich auch im Rentenalter als reissfest erweist. Das ist umso wertvoller, als in Japan - dem Land mit der höchsten Lebenserwartung - eine Frau von 60 Jahren statistisch noch mit 26 weiteren Lebensjahren rechnen darf. Da wiegt die Frage nach der Ausgestaltung des Lebensabends entsprechend schwer. Wenn die Antwort immer öfter zugunsten einer Scheidung ausfällt, dann auch aufgrund der soliden Finanzlage der Rentner. Im sparfreudigen Japan verfügt jedenfalls keine andere Altersschicht über ähnlich hohe Kaufkraft. Und manche Ehefrau äufnet - wie eingangs erwähnt - schon zu Friedenszeiten eine geheime «Kriegskasse». Die Gatten wissen von diesen als «Hesokuri» bezeichneten Geldern zumeist nichts, zumal die Verwaltung des Monetären in Japan eine traditionelle Domäne der Ehefrau darstellt. Isoliert und unbeholfen Das japanische Sprichwort, wonach ein guter Ehemann ein gesunder Mann ausser Hause ist, dürfte auch Nippons Männern geläufig sein. Dennoch trifft es die Rentner oft wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wenn sie sich nach ihrer Pensionierung im eigenen Haus breitzumachen beginnen und plötzlich mit der Forderung nach einer Scheidung konfrontiert werden. Viele begreifen die Welt nicht mehr, zumal sie es während Jahrzehnten als ausreichenden Liebesbeweis betrachteten, ihre Berufspflicht zu erfüllen, also bis spätabends zu arbeiten und Ende Monat den Lohn der Ehefrau abzuliefern. Der Schock ist dabei ein doppelter: Zur sozialen Isolierung - mit dem Austritt aus der Firma löst sich gleichsam das eigene Beziehungsnetz auf - gesellt sich die Unbeholfenheit in Alltagsdingen. Da für Japans Ehemänner der Haushalt in aller Regel Terra incognita darstellt, ist manch einer nicht einmal in der Lage, sich einen Tee zu kochen, geschweige denn seine Kleider zu waschen. Wen wundert es da, dass neuerdings Kurse, die Lebenshilfen für Jungpensionäre anpreisen, wie Pilze aus dem Boden schiessen. Den Senioren soll mehr Unabhängigkeit in der dritten Lebensphase antrainiert werden, etwa mit Kursen in Kochen, Putzen oder partnerschaftlicher Kommunikation; Letztere wohl mit dem Ziel, das maskuline Ehevokabular über die drei klassischen Imperative «Bad! Essen! Bier!» hinaus zu erweitern. Die Zeichen der Zeit erkannt haben jene «Salarymen», die sich bereits im Erwerbsalter in Scheidungsprophylaxe üben. Die Tageszeitung «Asahi» berichtete kürzlich von einer Selbsthilfegruppe, in der Männer nach Wegen suchen, um dem Schicksal zu entgehen, von der Gattin dereinst als «Sperrmüll» entsorgt zu werden. Die Gruppenmitglieder - die meisten Mitte fünfzig - erhalten dabei verschiedene Grade «ehelicher Erleuchtung» zugeteilt. Zum fünften Grad auf der Skala von eins bis zehn reicht es jenen, die händchenhaltend mit der Ehefrau einen Spaziergang absolvieren können. Der zehnte und somit schwierigste Grad gebührt jenen, die der Gattin ein «Ich liebe dich» anzuvertrauen vermögen, ohne gleich zu erröten; dies soll bisher noch keinem der 250 eingeschriebenen Mitglieder gelungen sein. Die Rückeroberung ihrer Ehefrauen ist für die angehenden Pensionäre - und potenziellen Scheidungsopfer - ein hartes Stück Arbeit. Quelle: www.nzz.ch |