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Viele US-Bürger bleiben ihren Jobs länger treu als vor zwanzig Jahren, weil sie entweder gerne arbeiten oder ungenügende Vorsorgepläne haben. Derweil Babyboomers sich heute bei der Stellensuche oft schwertun, wird ihnen eine glänzende Zukunft vorausgesagt. Vor 29 Jahren machte Jim Acos sein Hobby zum Teilzeitjob. Unter der Woche arbeitete der gelernte Anästhesist wie in den vorausgegangenen dreissig Jahren in einer kalifornischen Privatpraxis, am Wochenende frönte er auf den Pisten von Taos in New Mexico seiner Passion als Skilehrer. Als er 1979 den Arztberuf an den Nagel hängte, wurde sein Steckenpferd zur zweiten Karriere, und Acos verbrachte fortan die Wintermonate als vollzeitlicher Instruktor auf der Skipiste. All dies würde niemanden erstaunen, wäre Dr. Jim, wie der Skilehrer von seinen zahlreichen Fans in Taos genannt wird, nicht 83-jährig und kein bisschen müde. «Im Pensionsalter Skilehrer geworden zu sein, gehört zu den besten Entscheidungen des Lebens», sagt Acos, der sich auch während der schneefreien Zeit täglich einem Fitnessprogramm unterzieht. Die Herausforderungen seines Jobs hielten ihn nicht nur körperlich, sondern auch geistig fit, der Erfahrungsschatz seiner früheren Laufbahn, die ähnlich seiner zweiten Karriere Einfühlungsvermögen und Vertrauenswürdigkeit erfordert habe, komme ihm täglich zustatten. Acos unterrichtet zwar Skifahrer aller Niveaus und Altersstufen, wird aber von älteren Sportlern besonders geschätzt. Diese erschräken am ersten Skitag oft ob ihrem eigenen Mut. Aber nur so lange, bis sie ihn, den runzligen Skilehrer, zu Gesicht bekämen. «Wahrscheinlich denken sie: Wenn dieser Greis sich auf die Ski traut, kann ich es auch», lacht der Kalifornier. «Retirement jobs» werden Realität Acos' Biografie mag ungewöhnlich erscheinen. Was bis vor wenigen Jahrzehnten in den USA als Oxymoron galt, der sogenannte «retirement job», ist aber für eine zunehmende Anzahl der rund 75 Millionen Angehörigen der Babyboomers (in den USA die geburtenstarken Jahrgänge 1946 bis 1964) Realität. Von 1996 bis 2005 stieg nicht nur der Anteil der 65- bis 68-Jährigen, die vollzeitlich berufstätig waren, von 57% auf 68%, der US Census weist seit den neunziger Jahren auch auf ein stetiges Wachstum der Teilzeitbeschäftigungen von US-Bürgern über 65 hin. Ein Report der Investmentbank Merrill Lynch bestätigt diesen Trend. Demnach wollen 71% der Befragten nach ihrem sechzigsten Altersjahr entweder in ihrem Job bleiben oder sich ein neues Tätigkeitsfeld suchen. Und eine vielzitierte Umfrage von «Fortune Magazine» unter 45- bis 76-Jährigen enthüllt, 69% der Befragten beabsichtigten sich überhaupt nie aus ihrer beruflichen Tätigkeit zurückzuziehen, weil sie entweder gerne arbeiten (45%) oder finanziell darauf angewiesen sind (24%). Bis ins hohe Alter Lohnbezüger zu bleiben, sei nicht nur gut fürs Selbstbewusstsein und den Geldbeutel, war jüngst einem Blog des «Wall Street Journal» zu entnehmen, es berge für Arbeitnehmer weitere finanzielle Vorteile: ihre vom Wertpapiermarkt abhängigen Pensionskassengelder aufzubessern und von der betrieblichen Gesundheitsvorsorge ihres Arbeitgebers zu profitieren. Das Zweite ist für viele Senioren unabdingbar, denn Medicare, die staatliche Krankenversicherung für Amerikaner ab 65, gewährt ihnen nur ungenügenden Versicherungsschutz. Für gewisse Betriebe zahlt es sich zudem aus, ältere Arbeitnehmer einzustellen, weil diese schon Sozialleistungen beziehen und die Vorsorgeprämienrechnung des Arbeitnehmers entlasten. Eine in 2500 industriellen Kleinbetrieben durchgeführte Erhebung der Society for Human Resource Management befasst sich mit den Motiven von Firmen, Rentner einzustellen. 68% der genannten Zielgruppe stellen solche ein, und deren 41% halten mit ihren Stelleninseraten gar explizit nach über 60-Jährigen Ausschau. Deren Flexibilität, Lebenserfahrung, Zuverlässigkeit und überdurchschnittliche Arbeitsethik seien für viele Betriebe attraktiv. Unternehmen, die keine oder nur in Ausnahmefällen Senioren einstellen, was nach wie vor auf eine Mehrheit insbesondere grosser US-Betriebe zutrifft, führen für ihre zögerliche Haltung vor allem zwei Argumente ins Feld: entweder die Überqualifizierung und damit den hohen Lohnanspruch vieler Rentner oder dann deren Unfähigkeit, sich in moderne Arbeitsprozesse einzufügen. AARP, eine Organisation mit 35 Millionen Mitgliedern, die sich für die Interessen älterer Personen einsetzt, lässt Letzteres nicht gelten und wartet mit einer beeindruckenden Fülle neuster Forschungsresultate zur Effektivität älterer Arbeitnehmer auf. Entgegen anderslautenden Meinungen seien Arbeitnehmer nach 50 motiviert und produktiv, fehlten selten wegen Krankheit oder Unfällen, blieben ihren Stellen lange treu und seien überdies willens und fähig, sich weiterzubilden. Mahnfinger für die Wirtschaft Dass Firmen sich besser heute als morgen auf einschneidende altersbedingte Umwälzungen in der Zusammensetzung ihrer Arbeiterschaft einstellen sollten, geht auch aus einem Forschungsbericht des Congressional Research Service von 2005 hervor. Derweil er für die Bevölkerungsgruppe der 55- bis 64-Jährigen in den nächsten 20 Jahren ein Wachstum von 11 Millionen Menschen prognostiziert, werde die Kategorie der 25- bis 54-Jährigen in derselben Zeit um nur 5 Millionen wachsen. Wolle die Wirtschaft verhindern, dass ihr wegen der kleineren Jahrgänge die Arbeitskräfte ausgehen, müsse sie das Durchschnittsalter der Belegschaft nach oben korrigieren. Er werde immer wieder gefragt, betont der 83-jährige Acos, weshalb er sich nicht längst auf sein Altenteil zurückgezogen habe. Seine Antwort sei stets die gleiche: Er arbeite gern und schätze das zusätzliche Einkommen. Wer körperlich und geistig gesund bleiben wolle, dürfe sich nicht zur Ruhe setzen. Dies müsse nicht unbedingt heissen, auch als 80-Jähriger noch einer bezahlten Arbeit nachzugehen. Damit verweist er auf seine gleichaltrige Ehefrau Patricia, die ihre Work-Life-Balance wie Millionen älterer Amerikaner mit Freiwilligenarbeit sicherstellt. Derweil Jim seinen Skischülern den perfekten Stemmbogen beibringt, katalogisiert Patricia als Volontärin in der Stadtbibliothek neue Bücher.
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